Stürmischer Jahresbeginn
12 Einsätze alleine in der ersten Januarwoche
Nachdem die Neujahrsnacht 2012 lediglich zwei überschaubare Einsätze (einen Fehlalarm und einen Wohnungsbrand in Huchting) für die FF Neustadt brachte, begrüßte Wehrführer Marcus Schleef die Einsatzabteilung anlässlich des ersten Dienstabends am 3. Januar mit den besten Wünschen und einer kleinen Vorschau auf das Jubiläumsjahr 2012. Nachdem die FF Neustadt in 2011 mit insgesamt 165 Einsätzen ihren "Allzeitrekord" seit der Gründung aufstellte, wünschte Kamerad Schleef sich und den Kameradinnen und Kameraden im neuen Jahr auch Zeit und Muße für die Jubiläumsfeierlichkeiten und deutlich weniger Alarmierungen als im Vorjahr. Doch schon der Dienstabend brachte zum Abschluss am späten Abend noch Einsatz Nr. 3 mit einem unklaren Kamin im Ostertorviertel und die Woche sollte noch arbeitsreicher werden.
Am 5. Januar (Donnerstag) wurde die Wehr vom Orkan namens "Andrea" stark gefordert. Die erste Alarmierung kam noch während der regulären Arbeitszeit über die Digitalen Meldeempfänger um 14.34 Uhr. Daraufhin fuhren das Hilfeleistungslöschfahrzeug (HLF) und das Löschgruppenfahrzeug (LF 1) der Wehr verschiedene umgestürzte Bäume in der Neustadt und im Stadtteil Oberneuland an. Nach rund einer Stunde hatte sich das Wetter zunächst beruhigt und die Einsatzstellen waren geräumt, so dass sich die Einsatzkräfte kurz im Feuerwehrhaus am Seesenthom erfrischen konnten. Kaum war der Kaffee aufgesetzt, fegten die nächsten Orkanböen über die Stadt. Um 16.12 Uhr alarmierte die Feuerwehr- und Rettungsleitstelle die FF Neustadt mit dem Stichwort "Baum auf Haus, Personengefährdung" in die Vahrer Straße.
Gemeinsam mit einer Rettungswagenbesatzung der Berufsfeuerwehr, waren die Kräfte des LF-KatS als erste vor Ort und mussten ein aus rund 10 Wohneinheiten bestehendes Reihenhaus erkunden. Auf das Gebäude war in ca. acht Meter Höhe eine ca. 35 Meter hohe Buche mit einem Stammdurchmesser von 110 cm gekippt. Offenkundig war das als Wohnraum genutzte Dachgeschoss durch den Einschlag des Baums schwer beschädigt.
Zwischenzeitlich war auch die Mannschaft unseres HLF sowie die Besatzung einer Drehleiter (DLK) der Feuerwache 3 eingetroffen. Die Einsatzleitung lag bei unserem Wehrführer, da von der Berufsfeuerwehr keine weiteren Leitungsdienste oder Kräfte freigemacht werden konnten aufgrund der besonderen Lage, die über 130 Feuerwehreinsätze an diesem Tage brachte. Vorrangig ging es jetzt darum, weitere Gefährdungen auszuschliessen, so dass für insgesamt 4 Wohneinheiten ein Betretungsverbot ausgesprochen wurde, die Einsatzstelle abgesperrt wurde und mit 2 Lichtmasten und 4 Halogenscheinwerfern auf Stativen ausreichend ausgeleuchtet wurde. Die Polizei sowie die Stadtwerke wurden verständigt, ebenso ein Bausachverständiger.
Gegen 18.00 Uhr wurde dann gemeinsam mit dem Einsatzleitdienst der Berufsfeuerwehr, der im Rahmen einer Erkundung die Einsatzstelle kurzzeitig anfuhr festgelegt, dass die einzige Möglichkeit zur Beseitigung des Baumes eine langwierige und konzertierte Aktion zwischen Kraneinsatz und Anschlag- bzw. Sägearbeiten aus dem Korb der DLK sein würde. Nachdem der Feuerwehrkran bei einer anderen Einsatzstelle freigemacht werden konnte und gemeinsam mit einem Rüstwagen eintraf, wurde der "Schlachtplan" entwickelt. In der Wartezeit hatten der DLK-Führer und ein Kamerad der FF Neustadt mit der Motorsäge schon zahlreiche große Äste aus der Baumkrone geschnitten und sie auf dem Dach des betroffenen Gebäudes abgelegt. Nach Neupositionierung der DLK und dem Aufstellen des Feuerwehrkranes ging es dann im Zeitraum von über 6 Stunden schrittweise voran: 1. Baumteil mit der Bandschlinge aus dem Korb der DLK heraus am Feuerwehrkran anschlagen. 2. Motorsäge anwerfen und Baumteil abschneiden (auch hier hatte der Baum bis zu 80 cm Durchmesser). 3. Abgeschnittenes Baumteil mit dem Feuerwehrkran auf dem Hof ablegen.
Zwischenzeitlich war auch eine Gruppe des Technischen Hilfswerks (THW) Bremen-Süd eingetroffen und die Kollegen unterstützten die Feuerwehr vor allem bei der Zerkleinerung des abgelegten Holzes am Boden mit ihren Motorsägen. Auch unser Versorgungszug war mit 4 Kameraden hinzugekommen und versorgte alle Einsatzkräfte mit kalten und heissen Getränken, sowie mehreren warmen Mahlzeiten aus der Feldküche. Auch eine Einsatzstelle an der Oberneulander Landstraße wurde vom Versorgungsteam noch mit Essen und Getränken versorgt.
Dank unseres neuen zweiten Mannschaftstransportfahrzeuges - welches über einen Klapptisch mit zwei gegenüberliegenden Bänken verfügt - konnten wir auch eine rückwärtige Lageführung aufbauen, von der aus alle Daten und Maßnahmen dokumentiert wurden und auch die entsprechenden Nachforderungen (z.B. Kraftstoff, weitere Motorsägen etc.) erledigt werden konnten.
Nachdem der Baum Stück für Stück zu Boden gebracht wurde, ging es in einer rund einstündigen finalen Runde noch darum, den am Boden verwurzelten letzten ca. 3 Meter langen Stumpf zu beseitigen, da dieser ausgerechnet eine Feuerwehrzufahrt zu weiteren Wohngebäuden versperrte. Die Bewohner des betroffenen Hauses - die sich immer wieder über den Fortgang der Arbeiten informierten - waren sehr erstaunt und erfreut, dass ihnen überwiegend durch freiwillige Helfer (und das in einer Großstadt mit über 500.000 Einwohnern) Hilfe geleistet wurden.
Gegen 2 Uhr morgens am Freitag konnte sich Wehrführer Marcus Schleef dann bei allen eingesetzten Kräften bedanken. In einer ausgesprochen konstruktiven, ruhigen und auf die jeweiligen Fachkenntnisse ausgerichteten Zusammenarbeit, hatten alle rund 35 Einsatzkräfte über Stunden eine große "Mikado-Herausforderung" gelöst. Keine verletzten Bewohner oder Helfer, kein weiterer Schaden war entstanden und Haus und Grundstück waren so vom Baum geräumt, dass noch in der Nacht der Dachdecker und die Zimmerleute mit ersten Sicherungsmaßnahmen gegen Wassereinbruch etc. beginnen konnten. Auch ein Tischler kam zur Einsatzstelle, um die aufgebrochene Haustür gegen Einbrecher zu sichern. Die Eigentümer zogen für die Nacht zu Nachbarn, die anderen gesperrten Wohneinheiten konnten nach Abschluss der Bergungsarbeiten und nach Rücksprache mit dem Baustatiker wieder frei gegeben werden.
Ganz nebenbei wurde noch ein umherirrender älterer Mann aufgegriffen und von zwei unserer Kameraden in ein rund 500 Meter entferntes Altenheim zurückgeführt, aus dem er sich trotz Dunkelheit und Kälte zur Einsatzstelle verlaufen hatte. Gegen 3 Uhr waren alle freiwilligen Kräfte wieder zu Hause und für viele begann nach nur 2 - 3 Stunden Schlaf - wie immer bei der Freiwilligen Feuerwehr - ein normaler Arbeitstag im Hauptberuf.
Fotos (3): Olaf Preuschoff
Text: Christian Marnetté
